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Aus: Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

Dr. Olgierd Lissowski, Poznań

Jugendaustausch und Politik

1. Was man unter dem Begriff „Jugendaustausch“ versteht, ist eine große, politisch inspirierte und kontrollierte Aktion. Es ist sicherlich gut, wenn sich junge Leute verschiedener Länder treffen und ken­nen­ler­nen können. Es ist noch besser, wenn zumindest erste Kontakte von kompetenten Organisationen vorbereitet werden. In Polen ist man allerdings gegenüber der Politik mißtrauisch, und dies nicht oh­ne Gründe. Lange Zeit wurde in den sozialistischen Ländern der Ju­gend­austausch von lizensierten, staatstreuen Jugendorganisationen, ge­führt. Diese Organisationen waren zwar „für die Jugend“, doch ge­hör­ten nicht „der Jugend“. Jetzt hat sich die Situation wesentlich ge­än­dert. Es gibt mehrere Jugendorganisationen und die meisten sind de­mokratisch. Der Staat mischt sich im Prinzip nicht in ihre Angele­gen­heiten ein. So kann jetzt der deutsch-polnische Jungendaustausch eine pluralistische und weniger politisierte Organisationsstruktur ent­wickeln. Das ist gut so. Politik kann zwar auch gute Ziele verfol­gen , aber je höher die Entscheidungsebene ist, desto größer ist die Gefahr, daß schöne pädagogische Ideale für starke bürokratische In­teressen ins­trumentalisiert werden können. Ich persönlich habe es gelernt, in dem deutsch-polnischen Dialog die Initiativen der kleinen Or­ga­ni­sa­tionen und die Inspiration der konkreten, individuellen Men­schen zu schätzen.

2. Der Ost-Westjugendaustausch wird sich jetzt wahrscheinlich lang­sam in Richtung einer normalen Touristik entwickeln. Die Ei­genart dieses Austausches liegt in zwei Problemen: Ost-West Kon­frontation der zwei Systeme und das traurige Erbe des 2. Welt­krieges. Der Krieg und die daraus resultierende Spaltung Europas produ­zierten Antagonismen, die man mit Mitteln wie Jungendaustausch mildern woll­te. Jetzt existiert „der eiserne Vorhang“ nicht mehr, und seit dem Krieg sind schon fünfundvierzig Jahre vergangen. Hoffent­lich wer­den in dem neuen Europa politische und ideologische Hetzer nicht mehr eine so große Rolle spielen und die Konflikte nicht mehr in den ins­titutionellen Systemen vorprogrammiert. Die Folgen der Vergan­

gen­heit sind allerdings geblieben. Der Krieg und der „reale So­zia­lis­mus“ haben die ökonomische und zivilisatorische Ent­wicklung der Län­der des „Ostblocks“ für Jahrzehnte gebremst. Die ökonomischen Ent­wicklungsunterschiede schaffen jetzt einen neuen Konfliktstoff zwi­schen Ost und West. Nazistische und stalini­stische Ge­sell­schafts­systeme haben die politische Moral der breiten sozialen Schichten un­terminiert. Viele der nationalistischen Exzesse, die wir jetzt in Euro­pa beobachten, haben ihre Wurzeln in der nazisti­schen bzw. sta­li­nis­tischen Politik.

3. Der Íkonomische Status der Jugend im Osten und im Westen ist sehr unterschiedlich. Als Reisebegleiter habe ich oft beobachtet, wel­che Rolle (man kann sogar sagen, in steigendem Maße) das Geld im Ver­halten der Jugendgruppen spielt. In Polen bekommt ein deutscher Tou­rist für DM 60,- den Monatsverdienst eines Polen. Junge Touri­sten aus dem Westen können sich daher oft in Ost-Europa wie Kö­ni­ge fühlen und benehmen. Manche tun es auch. Die Pädagogen und Or­ganisatoren des Jugendaustausches können ökonomische Un­ter­schie­de nicht aus der Welt schaffen. Sie können höchstens die Ver­hal­tensweisen der Jugendlichen beeinflussen. Die Aufgabe ist aller­dings nicht leicht, weil für die Jugendlichen - ebenso wie für viele Er­wachsene - das Geld prestigegebend ist. Jeder junge Mensch möch­te in der Gruppe Prestige erlangen.

4. Die junge Generation der Deutschen und Polen sind nicht mehr durch den Krieg antagonisiert wie die Generationen der direkten Kriegs­erzeuger. Trotzdem, wenn die Beziehungen wirklich normali­siert und die tragische Vergangenheit wirklich überwunden werden soll, dann müssen die Deutschen und die Polen über den Krieg offen sprechen und daraus lernen können. Zur Zeit wollen viele Deutsche über den Krieg überhaupt nicht sprechen. Als Folge wissen viele jun­ge Deutsche wenig von der realen Geschichte des 2. Weltkrieges. Da­ge­gen kann und will man in Osteuropa die Naziverbrechen nicht ver­ges­sen. Vielmehr wird das Verhältnis der Deutschen zu dieser Ver­gan­genheit als ein wichtiges Kriterium der Intentionen der Nach­barn für die Zukunft betrachtet. Leider ist auch in Osteuropa das Ge­schichtsbewußtsein der jungen Generation mangelhaft. Das Bild des 2. Weltkrieges, das die offizielle Propaganda vermittelte, war eher se­lek­tiv als objektiv. Nicht selten mythologisierte man die Ge­schichte des Leidens und des Sieges.

Es wäre gut, wenn sich in den pädagogischen Programmen des deutsch-polnischen Jugendaustausches auch ein angemessener Platz für gemeinsames Studieren der tragischen Vergangenheit finden könnte. Es gibt Organisationen, die in dieser Hinsicht viele gute Er­fah­rungen gesammelt haben. Eine objektive Auschwitz-Ge­schichts­pä­dagogik ist nicht einfach. Oft gibt es unterschiedliche In­for­ma­tio­nen und Interpretationen. Es gibt einflußreiche Interessen, die da­hin­ter­stehen. In dem realistischen Bild des nazistischen Völ­kermordes gibt es wenig Platz für Optimismus. Eine wahre Ge­schichte von Ausch­witz kann Apathie und Zynismus wecken. Sie hat kein Happy-End. Trotzdem: Ein realistisches Geschichtsbewußtsein schafft bes­sere Grundlagen für die deutsch-polnische Verständigung als or­ga­ni­sierte Geschichtsignoranz oder Kriegsmythologie.

Inhaltsverzeichnis

Herbert Schmalstieg: Vorwort

Zeitgeschichtliche Notiz 1990

Lothar Nettelmann: Einleitung: Schüleraustausch - warum mit Polen?1

Zur Konzeption

Lothar Nettelmann: Einleitung 1993. Zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge des politischen Paradigmenwechsels in Polen und ihrer Bedeutung für die Träger politischer Bildung in Deutschland

Lothar Nettelmann: Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 19392

Ulrich Bauermeister: Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen als Auftrag der UNESCO (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen der Bismarckschule Hannover - Modellbeispiele und Alternativen (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen in Zeiten der gesellschaftlichen Krise [Didaktische Konzeption, Reiseroute, Reiseziele] (1993)

Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr.Wolfgang Scholz: Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover3

Wolfgang Jordan, Lothar Kutsch: Ein Schulchor, eine Theatergruppe und ein Leistungskurs fahren... (1989)

Siegfried Riedel: Schüleraustausch im Geist der Ökumene (1989/1993)

Michael Droldner, Matthias Bömeke: Ein Schüleraustausch zwischen katholischer Schule und Pfarrgemeinde (1989)

Werner Fink, Ursula Ruehr: Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schülern im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof (1989)

Dr. Olgierd Lissowski, Poznań: Jugendaustausch und Politik (1989)

Piotr Korek, Poznań: Ein Schüler- oder Schulenaustausch? (1989)

Joachim Dallwig: Polenkontakte heute (1989)

Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991)

Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992)

Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993)

Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991)

Elisabeth Goldmann: Bericht über den ersten Besuch einer Gruppe von 20 Schülern der Realschule I, Burgdorf (1993)

Lothar Nettelmann: Thesen zu den veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Polen und ihre Bedeutung für die deutsch-polnische Jugendarbeit (1993)

Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990

Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924

Anhang: Autorenverzeichnis

Impressum für diese Publikation

Herausgeber: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt

Redaktion Gerda Heinemann Lothar Nettelmann Gerhard Voigt Armin Walthemate

Herausgegeben für die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Hannover e.V. und den UNESCO-Club der Bismarckschule Hannover e.V.

Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienrei­sen. Hrsgg. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (An der Bis­marckschule 5, Hannover) und Deutsch-Pol­nische Gesellschaft Hannover e.V., 1990.

Satz und Layout: Ritterdesign, Laatzen

Printed in Germany

(Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Masch­see, Bis­marckschule Hannover, e.V.) 1. Auflage 300

Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis.

Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009

Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de

http://www.unesco-club-hannover.de

Vgl. dazu Impressum

Überarbeitet August 2009

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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