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Gerhard Voigt:

Studienfahrt nach Kraków/Polen 2001

Bismarckschule Hannover: Erdkunde-Leistungskurs (OStR Voigt) und  Politik-Grundkurs (OStR Dr. Nettelmann) in der Klassenstufe 13, Schuljahr 2001/2002

19. September bis 26. September 2001

Referate:

Krakau ] Galizien ] Polen / Ukraine ] Auschwitz ] Ende der SU ] NATO Osterweiterung ] Frauenbewegung ]

Erster Reisebericht des Kurslehrers

Zu den inhaltlichen Kontexten der Studienfahrtplanung

Ausschlaggebend für die ökonomische Entwicklung Europas und die wirtschaftsgeographische Standortentwicklung ist die Lösung der grundlegenden Strukturdisparitäten und Entwicklungskonflikte in den Ländern Ost- und Südosteuropas und des an Europa angrenzenden Mittelmeergebietes. In der Vorbereitung der Studienfahrt nach Polen wird die wirtschaftsgeographische und historisch-geographische Entwicklung der durch ihre inneren Probleme und ihre Randlage zu Europa verbundene Region von Rußland bis zum Nahen Osten untersucht, wobei im Erdkunde- und Politikunterricht neben den allgemeinen wissenschaftlichen Erklärungsmodellen vor allem auch regionale Beispielräume, z.B. Polen, Ukraine und die Türkei exemplarisch bearbeitet werden.

Die aktuellen weltpolitischen Krisen bis hin zu eskalierenden Gewaltakten sind eng mit den politischen und gesellschaftlichen Problemen der Region der Transformationsländer und der sogenannten Semiperipherien verknüpft. Semiperiphere Regionen wie die Türkei oder der Nahe Osten wurden früher meist als „Schwellenländer“ bezeichnet. Dies implizierte aber die Erwartung, das diese Länder in  einem letztlich sich problemlos vollziehenden Übergang an der „Schwelle des Industriestaates“ befinden würden. Die weitere Entwicklung zeigte jedoch, daß die Region weitgehend zu den „Modernisierungs- und Globalisierungsverlierern“ zählt und die eigene soziale Figuration als diskriminierte sowie die eigene Situation als oktroyiert wahrnimmt. Die Skepsis gegenüber dem „westlichen Zivilisations- und Staatsmodell“ hat stetig in dem Maße zugenommen, als sich die Industrieländer nicht in der Lage sahen bzw. in ihren Eliten nicht gewillt waren, die fundamentalen Probleme dieses Raumes auch nur ansatzweise zu verstehen, geschweige denn realisierbare Lösungen zu erarbeiten. So kommt es zunehmend auch zu innenpolitischen Krisen, bei denen sich westlich orientierte Eliten, die tendenziell zu den ökonomischen Modernisierungsgewinnern zu zählen sind, von den verarmenden Massen entfremden, die ihrerseits keine Chance zur Teilhabe an modernen Wirtschafts- und Lebensformen für sich erkennen und daher oft Schutz suchen in traditionalen und religiösen Ordnungsvorstellungen.

Wenn auch der aktuelle Blick diese Entwicklung vor allem in den semiperipheren Regionen des Nahen Ostens wahrnimmt und dies daher fälschlicherweise mit arabischen oder islamischen Wurzeln gleichsetzt, bestehen in den ost- und südost-europäischen Transformationsländern ähnliche Tendenzen und Gefahren, da auch hier die Kluft zwischen herrschenden, industrielle und globalisierte ökonomische Modernisierungsschübe anstoßenden Eliten und der Masse der „Modernisierungsverlierern“ zunimmt. Die bis jetzt noch als gescheitert anzusehende oder aber zumindest als mit zu großen menschlichen Opfern erkaufte Transformation des ehemaligen Jugoslawiens ist ein andauerndes Beispiel für die Krisenthese. Aber auch die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, nur oberflächlich ökonomisch verbunden als GUS-Staaten, zeigen gesellschaftliche Auflösungs- und Destabilierungstendenzen, die sich dezentral-regionalisierten Herrschafts- und Machtverbänden, mafiösen Strukturen und partieller Anomie fokussieren und sich lokal – wie in Tschetschenien – auch analog zu den „jugoslawischen Erbfolgekriegen“ in sich ethnifizierenden Separations- und Bürgerkriegen ausprägen.

In Europa selbst sind Weißrußland und die Ukraine Staaten, deren Gesellschafts- und Herrschaftssystem sich noch weit weniger den europäischen Standards angenähert haben als die ostmitteleuropäischen Transformationsländer Polen, Tschechien oder Ungarn. In diesen beiden ehemaligen Teilstaaten der UdSSR spitzen sich politische und ökonomische Krisenlagen zu, auch wenn die Ukraine offiziell vor allem eine ökonomische Annäherung an Mittel- und Westeuropa, d.h. also auch an die EU, wünscht und anstrebt. Auf lange Sicht gesehen können diese Länder, vor allem wenn die baltischen Staaten Schritt für Schritt in die Europäische Union einbezogen werden und wenn Polen nach seinem vollzogenen NATO-Beitritt auch Vollmitglied der EU wird, nicht aus den europäischen ökonomischen und politischen Kontexten ausgeschlossen bleiben, was sonst zu einer gefährlichen Destabilisierung Gesamteuropas führen könnte. Hier sind Wege zu erproben, wie die innerstaatlichen Krisenerscheinungen der europäischen GUS-Staaten einschließlich Rußlands ohne „jugoslawische Verhältnisse“ und in Berücksichtigung der Brisanz der Radikalisierungs- und Anomierungs-Gefahren durch Massen von „Modernisierungsverlieren“ gelöst werden können. Ähnliches gilt übrigens auch für die Türkei, deren innere Strukturproblematik wohl nur in gesamteuropäischen Kontexten gelöst werden kann, auch wenn eine Vollmitgliedschaft in der EU heute noch als realisierbar erscheint.

Um diese innereuropäischen Disparitäten vor Ort begreifen und bearbeiten zu können, hatten wir die Absicht, in der Studienfahrt am regionalen, grenzüberschreitenden Beispielsraum „Galizien“ polnische und ukrainische Verhältnisse zu vergleichen und neben Krakau (Kraków) in Südost-Polen auch Lemberg (Lvov/Lviv) in der westlichen Ukraine zu besuchen. Aus organisatorisch-finanziellen Gründen, die vor allem durch kurzfristige starke Preiserhöhungen bei den Eisenbahnen und in der Ukraine bedingt waren, konnten wir den zweiten Teil unserer Planungen leider nicht realisieren und mußten uns auf Krakau beschränken. In der inhaltlichen Vorbereitung und in der Gestaltung eines publikationsfähigen gemeinsamen Abschlußberichtes spielt der polnisch-ukrainische Vergleich jedoch weiterhin eine zentrale Rolle.

Dabei kann eine verständnisorientierte Beschäftigung mit dem Kulturraum Galizien nicht bei einer aktualistischen Perspektive stehen bleiben. Galizien war immer ein Übergangs- und Durchgangsraum, wenn auch immer wieder in der Peripherie seinerzeitiger Machtzentren. Dennoch gehört Galizien zu den exemplarischen und wichtigen Räumen des historischen ost-mitteleuropäischen Raumes im Schnittpunkt von Herrschaftsinteressen Polens, Rußlands und des Deutschen Reiches, später in der Zeit der Polnischen Teilungen zwischen dem Zarenreich, der k.u.k.-Monarchie Habsburgs und Preußen. An den Bezeichnungen der Reiche wird schon hier deutlich, daß für die Geschichte Galiziens wie insgesamt Ost-Mitteleuropas moderne nationalstaatliche Bezeichnungen nicht adäquat sind, sondern kulturell und sprachlich differenzierte und strukturell disparate Reiche, später oft ‚Vielvölkerstaaten‘ genannt, das Bild bestimmten.

Kulturelle Kontakte und regionale kulturelle Ausformungen bestimmen das Bild dieses Raumes ebenso wie wechselnde migrationsbedingte Über- und Unterschichtungen und wechselndes Herrschaftsoktroy. Geschichtsbewußtsein und eine differenzierte Betrachtung der Wurzeln heutiger gesellschaftlicher wie raumstruktureller Gegebenheiten verlangt über die Staatsgeschichte Polens und der Ukraine hinaus eine Beschäftigung mit dem historischen Konzept „Mitteleuropa“, dem sich zunehmend Angehörige der politischen und kulturellen Eliten dieses Raumes verpflichtet fühlen und das auf das positive Erbe der Habsburger Monarchie ebenso rekurriert wie auf die jüdischen Kulturtraditionen Ost-Mitteleuropas, die so wichtig für die kulturelle und zivilisatorische Entwicklung Europas gewesen sind und durch die Shoa bzw. dem Holucaust durch Okkupation und Nazi-Terror von 1939 bis 1945 ein abruptes tragisches Ende gefunden hat. Heutige Rekonstruktionen mögen nostalgischen oder auch touristischen Charakter haben wie die Wiederbelebungen von Klezmer-Musik und jiddischen literarischen Traditionen. Doch sollte dies nicht abgewertet werden, da es letztlich ein Teil des gesellschaftlichen Gedächtnisses bewahrt und wieder belebt und auch dringend notwendige Trauerarbeit an der eigenen Geschichte über das unwiederbringlich Verlorene ermöglicht.

Der Blick in die Zukunft in diesem Raum ist spannend. Neben den Gefahren und Risiken, von denen schon die Rede war, eröffnen sich gerade in Krakau faszinierende und neue Perspektiven. Stadterneuerung, ökonomischer Aufschwung und reges gesellschaftliches und kulturelles Leben sind zukunftsoffen und von erstaunlich optimistischer Grundstimmung, die sich von oft negativ getönten Befindlichkeiten in den Neuen Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland erstaunlich absetzt. Daher ist eine über die Stadt hinaus reichende Einordnung in ökonomische und politische Strukturen und Kontexte gerade in der Auswertung der Studienfahrt notwendig. Dabei wird die Problematik wachsender regionaler Disparitäten nicht nur in geographischer Hinsicht immer stärker in den Vordergrund rücken.

Nach 1990 gehört die Region Ost-Mitteleuropa zu den sogenannten Transformationsländern, in denen wichtige und interessante Umgestaltungen des politischen, ökonomischen und sozialen Systems zu beobachten sind, die Kernpunkt der Kursthematik der beteiligten Kurse sind. Ausschlaggebend für die ökonomische Entwicklung Europas und die wirtschaftsgeographische Standortentwicklung ist die Lösung der grundlegenden Strukturdisparitäten und Entwicklungskonflikte in den Ländern Ost- und Südosteuropas und des an Europa angrenzenden Mittelmeergebietes. In diesem Raum, dessen Ökonomie auf den europäischen Markt ausgerichtet ist und auch politisch besonders enge Beziehungen zur EU bis hin zum Wunsch nach Teilhabe an der europäischen Integration hat, überlagern sich zwei Entwicklungsprozesse, die jeweils für sich genommen schon politisch-ökonomische und soziale Konfliktpotentiale aufweisen, in Verbindung miteinander aber gefährliche regionale und soziale Disparitäten und Entwicklungen verursachen: einmal der Prozeß der Systemtransformation der ehemaligen RGW-Länder Ost- und Südosteuropas, zum andern die Peripherisierungs-Prozesse, die mit der zunehmenden Inkorporation ökonomischer Peripherien durch die industriellen Zentren vor allem im Prozeß der gegenwärtigen Globalisierung zu begründen sind.

Der Schwerpunkt der praktischen und pädagogischen Einbindung des Studienfahrt-Themas in den Unterricht liegt beim Erdkunde-Leistungskurs, für den die Gesamtthematik abiturrelevant ist und von den wenigen nicht an der Studienfahrt teilnehmenden Schülerinnen und Schülern in geeigneter Weise ebenfalls bearbeitet wird. Das Ergebnis der Studienfahrt wird publiziert und soll auch über das Internet verbreitet werden. Dies wird zu einem zentralen methodischen Ansatz der Studienfahrt-Vor- und Nachbereitung, die in hohem Maße auf Eigenaktivitäten und selbständiges thematisches Engagement ausgerichtet ist.

Die länderkundliche Arbeit in der schulischen Bearbeitung der Studienfahrt-Thematik ist notwendigerweise interdisziplinär angelegt und erstreckt sich neben geographischen Fachanteilen auch auf zeitgeschichtliche, politische und gesellschaftswissenschaftliche Erklärungsansätze. Einige Länder, vor allem Polen, die Ukraine und die Türkei, müssen dabei in intensiver Materialarbeit exemplarisch bearbeitet werden. Studienfahrt, selbständige Informationsbeschaffung und Materialrecherche sowie traditionelle Unterrichtsarbeit gehen dabei eine unlösbare Verbindung ein. Dies geschieht unter intensiver Nutzung neuer Medien im Rahmen des Projektes »InfoSCHUL« im Schulverbund mit zusätzlichen Veranstaltungen. Letztlich lassen sich die Arbeitsschritte im Zusammenhang mit Vorbereitung und Auswertung wie folgt aufführen:

  • Allgemeine länderkundliche Übersicht über den Raum Ost- und Südosteuropas (Atlas und Texte).

  • Transformationsprozesse in Polen und der Ukraine: Privatisierung, Wirtschaftspolitik

  • europäische Integration (Datenbank- und Internetarbeit, Studienfahrt-Integration).

  • Peripherisierungskonflikte in der Türkei: Südostanatolien-Projekt (GAP), regionale  Disparitäten      (Textarbeit).

  • Transformation in Osteuropa (Referate im Zusammenhang mit der Studienfahrt-

  • Auswertung,

  • Dokumentation in Schriftform und als Internet-Publikation).

Die Studienfahrt ist eingebunden in das von der Bismarckschule Hannover getragene Konzept, im Rahmen der organisatorischen Möglichkeiten den Schülern der Kursstufe eine an ihre Leistungskurse pädagogisch angebundene Studienfahrt anzubieten. Dazu wird ein gemeinsamer Studienfahrt-Termin ausgewiesen. Die Fächer Politik und Erdkunde gehören dabei zu denjenigen Fächern, aus denen heraus sich besonders tragfähige und in den Unterricht zu integrierende Studienfahrten entwickeln lassen. Es liegt dabei nahe, eine personelle und fachliche Erweiterung der Reisekonzeption dadurch zu erreichen, daß Kurse dieser verwandten Fächer zu einem integrativen fachlich-didaktischen Angebot zusammengeführt werden und eine solche Studienfahrt gemeinsam durchführen und mit ihren jeweiligen fachspezifischen Schwerpunkten versehen.

Zusammengefaßt sollte gesagt sein, daß es bei einer Studienfahrt in den Integrationsfächern Erdkunde und Politik nahe liegt, die interdisziplinären historischen, politischen und wirtschaftsgeographischen Fachaspekte in den Mittelpunkt der inhaltlichen Planung zu stellen und das Programm vor allem auf die Erkenntnis komplexer gesellschaftlicher Probleme und Transformationen hin zu auszurichten. Das legte eine Zielwahl nahe, in der aktuelle politische und historische Determinanten offensichtlich verflochten und nur in überfachlicher Perspektive zu verstehen sind. Unter diesem Gesichtspunkt wie unter Berücksichtigung der aktuellen fachlichen Problematik ist eine Reise in die alte mittel-osteuropäische Kulturregion Galizien besonders interessant, nicht zuletzt wegen der alten jüdischen Tradition dieses Raumes, dem Zentrum des Ostjudentums in der europäischen Neuzeit und den katastrophalen Einschnitten, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts bedeutete: die Reorganisation der ost-mitteleuropäischen Staatenwelt nach dem Ersten Weltkrieg mit der Auflösung des Habsburgerreiches und der Oktoberrevolution in Rußland, mit der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg und dem gerade in Galizien schwerpunktmäßig stattfindenden Genozid am Judentum und Teilen der nicht-jüdischen osteuropäischen Bevölkerung, und schließlich der Einbeziehung der Region in den kommunistischen, von der Sowjetunion dominierten „Ostblock“ nach 1945.

Hinfahrt nach Kraków

Die Fahrt nach Kraków am Mittwoch, 19.09.2001, erfolgte mit der Bahn. Daß der vorgesehene Zug (ICE nach Berlin, Abfahrt Hannover Hbf. ab 18:00 Uhr) zunächst mit einer Stunde Verspätung angekündigt wurde, sorgte zunächst für einige Aufregung, bis die Bahn mit den ursprünglichen Fahrzeiten einen Ersatz-Intercity-Zug einsetzte, für den zwar unsere Reservierungen nicht vorgemerkt waren, der uns aber dann doch pünktlich nach Berlin / Bahnhof Zoologischer Garten brachte, wo kurz danach auf dem selben Gleis der Nachtzug nach Kraków mit unseren Liegewagen-Reservierungen bereit gestellt wurde. Es war gut, daß wir hier reserviert hatten, dann der Zug war mit Schülergruppen nach Kraków vollständig besetzt.

Kontakte zwischen der Gruppen ergaben sich am Abend auch im polnischen Speisewagen zwanglos. Die Lehrkräfte kamen miteinander ins Gespräch, wobei interessante Themen über Bildungspolitik mit einem Kollegen vom Fach Wirtschaftslehre in Hessen und seine Vorbereitung der Polenfahrt angesprochen werden konnten. Ein Kollege aus dem westniedersächsischen Raum war sogar in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft tätig, so daß über zukünftige Programmplanungen und Kooperationen gesprochen werden konnte.

Nach problemloser Fahrt kamen wir dann am Donnerstag, 20.09.2001, um 06:36 Uhr in an Kraków Glowny an. Am Bahnhof wurde Geld gewechselt und es wurden Fahrkarten für den Nahverkehr in der Stadt für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleich für die ganze Woche erstanden.

Mit dem Bus fuhr die Gruppe zum Studentenhotel „Hotel Letni »Bydgoska 19«“, wo bis zum Mittag dann die Zimmer eingenommen und eine kurze Ruhepause ermöglicht wurde. Da das Eintreffen im weiteren Sinne noch Frühstückszeit war, und bis zum Freiwerden der Zimmer etwas Zeit überbrückt werden mußte, nahmen wir auf der Restaurant-Terrasse beim Hotel Kaffee zu uns. Für die Organisation war es notwendig, Kontakt mit Prof. Dr. Bronislaw Kortus (em. Wirtschaftsgeograph der Jagiellonen Universität Kraków) aufzunehmen, der dann zu uns stieß. Die Lehrer besprachen dann die Programmgestaltung des Aufenthalt und fuhren mit dem Taxi zu einem Reisebüro, um für den letzten Tag einen Bus für den Tagesausflug nach Lancut anzumieten.

20. – 26. September 2001: Aufenthalt in Kraków

Donnerstag, 20. September: Stadtrundgang

Der Donnerstag Nachmittag wurde genutzt durch einen Rundgang durch die Krakauer Altstadt. Der Marktplatz, Rynek Glówny, mit den Tuchhallen, im 13. Jahrhundert erbaut und im Renaissancestil erneuert, war das erste Ziel. Für die Gruppe der Schülerinnen und Schüler war vor allem auch das touristisch akzentuierte Angebot in den Buden und Verkaufsständen in den Tuchhallen interessant und attraktiv. Daß dabei nicht versäumt wurde, den Funktionswandel des Marktes vor seiner historischen, in das Mittelalter zurück gehenden Bedeutung und seine Einbindung in das mittelalterliche System der Stadtrechte anzusprechen, versteht sich von selbst.

Eine ausgiebige Besichtigung der Marienkirche und die Begegnung mit dem Altarwerk von Veit Stoß, dem Hauptwerk seiner Krakauer Zeit, nachdem er aus Nürnberg hierher übergesiedelt war, beschloß dann die gemeinsame Veranstaltung.

Vor dem Abendessen im Hotel stand dann noch genügend Zeit für eine individuelle Erkundung der Innenstadt zur Verfügung; nach dem Abendessen wurde Freizeit für die Schülerinnen und Schüler gewährt. Die Lehrer machten sich auf im Vorgriff auf das vorgesehene Programm am Montag, den in Rekonstruktion befindlichen Stadtteil Kazimierz zu erkunden und im „Klezmer Haus“ bei einem koscheren Imbiß den Abend zu beschließen.

Freitag, 21. September: Fachgespräche über Polen, Besichtigung des Wawel

In den Räumen des Geographischen Instituts der Universität Krakau waren wir zu Gast bei Professor Kortus, dem wir seit Jahrzehnten  freundschaftlich verbunden sind. Zwei Themen standen im Vordergrund. Der Politologe, Prof. Dr. Ciomer, referierte in anregender und übersichtlicher Weise über die Wandlungen des deutsch-polnischen Verhältnisses bis in die heutige Zeit der Wandlungen und Systemtransformationen. Dieses Thema wurde auch deshalb so engagiert behandelt, weil der Referent aktiv in der Polnisch-Deutschen Gesellschaft Krakau am Ausbau der deutsch-polnischen Beziehungen mitwirkt.

Prof. Kortus konzentrierte sich dann auf die Transformationsprozesse Polens und legte auf unsere Fragen hin besonderen Wert auf die Darstellung der Veränderungen der regionalen Disparitäten in ökonomischer und sozialer Hinsicht, wobei sich ein differenziertes, z.T. auch widersprüchliches in seiner Gesamttendenz aber eher optimistisches Bild für die Entwicklungen in Polen ergab.

Für die Besichtigung des Schloß- und Kirchenkomplexes auf dem Wawel ab 14 Uhr war eine Führung vereinbart worden. Die Schloß- und Kirchenbesichtigung vermittelte viele bleibende Eindrücke und detaillierte Einsichten in die polnische Geschichte, besonders auch im Zusammenhang mit den Königsgräbern der Jagiellonen sowie anderer bedeutender Persönlichkeiten der polnischen Geschichte, wovon an anderer Stelle ausführlicher zu berichten sein wird.

Interessant war auch die Person des Begleiters selbst, der als sehr alter Mann für diese Aufgabe ein bemerkenswertes Engagement zeigte. Auf Rücksprache sagte er, daß er als studierter Jurist früher als Museumsleiter und in der staatlichen Museumsverwaltung tätig gewesen war und jetzt als Rentner die kargen Einkünfte nach der politischen »Wende« durch Wawelführungen aufbesserte. Sein umfassendes historisches und literarisches Wissen machten seine Erläuterungen besonders interessant, da er auch auf detaillierte Rückfragen keine Antwort schuldig blieb. Daran zeigte sich wieder, daß auf Studienfahrten in der »originalen Begegnung« nicht nur das geplante Programm für den Erfolg wichtig ist, sondern gerade die zufälligen Begegnungen und Kontakte, Gespräche und überraschenden Beobachtungen sichern die Eindringlichkeit und Realitätshaltigkeit, die üblichem theoretischen und schulischen Zugang „am grünen Tisch“ so oft versagt bleibt. Wahrnehmungsfähigkeit kann nur durch die Chance zur Wahrnehmung selbst herbeigeführt werden.

Für die Lehrer rundete sich der Abend in ähnlicher und freundschaftlicher Weise ab durch die persönliche Einladung bei Professor Kortus. Es wurde ein langer interessanter Abend, der viele Anregungen zum Nachdenken und Weiterdenken gab.

Samstag, 22. September: ganztägige Fahrt zur Gedenkstätte Auschwitz

Nur eine Bahnstunde von Kraków entfernt liegt am Rande des Oberschlesischen Industriereviers (GOP) die alte Industriestadt Oswiecim, die in der Zeit der deutschen Nazi-Okkupation eine schreckliche Bedeutung als Ort des größten Vernichtungslagers der nationalsozialistischen Mordmaschinerie erlangte. Gerade vor den Schrecken der Gegenwart ist es wichtig, die Erinnerung an diesen größten staatlichen Massenmord, den Holcaust bzw. die Shoa wach zu halten, um die Prägungen zu verstehen, die dieses Ereignis unwiderruflich auf die deutsche, die polnische, die jüdische wie die Weltgeschichte hervorgerufen hat, auch um sich wieder und wieder zu verdeutlichen, was Menschen den Menschen antun können, und daß kein Verbrechen ein anderes rechtfertigen oder legitimieren kann und darf.

Norbert Elias schrieb: „Menschen sind nicht in der Lage, den Tod abzuschaffen. Aber sie sind ganz gewiß in der Lage, das gegenseitige Töten abzuschaffen.“ Aber menschliche Gesellschaften verdrängen es zu oft aus ihrem Bewußtsein, daß auch sie das Töten noch nicht überwunden haben. „Der Tod wird mit heimlicher Schläue und mit listigen Ausflüchten eingeführt – und die Sprache von Schlauheit und List erfordert eine sorgfältige Untersuchung, falls wir jemals Bedingungen der Moderne auf den Begriff bringen wollen“ (Michael Geyer). Der Hannoversche Soziologe Peter R. Gleichmann fragt daher betroffen: „Sind Menschen in der Lage, das gegenseitige Töten abzuschaffen?“ Gerade wenn die Welt wie heute wieder aufgeschreckt wird durch massenhaftes Töten in Terror und Bürgerkriegen, wenn die größte Militärmacht der Welt zur eigenen Verteidigung wieder weltweit auf militärische Optionen setzt, muß es berechtigt sein, sich Gedanken über das massenhafte Töten wie die Chancen seiner Überwindung zu machen.

„Etwas nüchterner suchen historisch geschultere Köpfe vorzugehen, die im Gegensatz zu ihren Vorvätern das massenhafte Töten um sich herum nicht erlebt haben. Sachlich stützen sie sich dabei auf die Quellen. Doch sie haben meist sozialwissenschaftlich auch gelernt, daß bei dem gesellschaftlich Extrem tabuierten Geschehen wie dem Töten das soziale Verhalten und die sozialen Normen selten noch schriftlich fixiert sind. Das Realgeschehen läßt sich aus den traditionellen Quellen meist gar nicht mehr hinreichend erschließen. Und in ihren Gesellschaften wachsen allmählich die Abscheu vor dem Töten und zugleich das Interesse, darüber doch mehr zu erfahren.

Da werden nicht mehr in der Sprache des Krieges umschreibend ‚die militärischen Verluste‘ oder ‚die Gefallenen‘ gezählt (R. Overmans, 1999), sondern es wird immer direkter die schließlich ungehemmte ‚Eskalation des Tötens in zwei Weltkriegen‘ (B. Ziemann, 1998) sorgsam analysiert und präzise auch ausgesprochen. Doch auch: Auf welche Weise die Sprache das Töten festhält, wird von den Jüngeren nun immer unmittelbarer notiert. ‚Wie direkt sprechen Soldaten vom Tod, wie nahe treten sie an ihn heran?‘ fragt eine Analyse von Feldpostbriefen (K. Latzel, 1998; besonders: 227-283). Die sozio-psychische Distanz zu den Menschen, die das legitime Gewaltmonopol praktisch ausüben, wird immer größer; diese historischen Forscher vermögen schließlich den Opfermythos kriegerischen Tötens immer direkter als solchen auch zu benennen (Th. Kühne, 1998, 1999, 2000), als Mythos eben. Und dann werden die ersten umfänglicheren Studien des ‚Dahinschlachtens‘ vorgelegt (J. Bourke, 1999). Das offenere Sprechen vom gewaltsamen und massenhaften Töten beginnen Menschen bereits zu lernen. Und schließlich werden die ersten systematischen Studien ‚Vom Töten‘ vorgelegt; so ist der Kern einer grundlegenden Studie (D. Grossman, 1995: 332) der Versuch nachzuweisen, daß es in den Menschen eine Macht gibt, die sie gegen das Töten rebellieren läßt sogar um den Preis ihres eigenen Lebens. ‚Diese Macht bestand in der Menschheit durch ihre gesamte Geschichte hindurch; und die Militärgeschichte kann als der Versuch der Menschheit gedeutet werden, den Widerstand ihrer Mitglieder gegen das Töten in der Schlacht gründlicher zu überwinden.‘ ... ‚Wir müssen verstehen, wo diese seelische Abzugssicherung sich befindet, wie sie funktioniert und wie sie wieder zurückgestellt wird. Das ist das Ziel der Wissenschaft vom Töten (killology) und das war das Ziel dieses Buches‘.“ (Alle Zitate aus: Peter R. Gleichmann: Sind Menschen in der Lage, das gegenseitige Töten abzuschaffen? Aspekte zivilisierter Staatsgesellschaft. In: Gerhard Voigt, Hg.: ›Staatsgesellschaft‹. Historisch-sozialwissenschaftliche Beiträge zur Diskussion von Entwicklungen, Problemen und Perspektiven. Hannover 2002 [in Vorbereitung; dort auch weitere Literaturangaben].)

Eine Besichtigung der Gedenkstätte Auschwitz ist eindringlich und bedrückend wie eh und je. Kaum eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer nimmt keine bleibende Eindrücke und Fragen mit. Doch je mehr die Ereignisse der Nazi-Zeit und des Zweiten Weltkrieges Geschichte und nicht mehr familiär authentisch Erinnertes werden, umso mehr muß sich die »Gedenkstättenpädagogik« Gedanken über neue und adäquate Zugänge zu dem eigentlich Unvorstellbaren machen. Eine junge Generation von Begleitern und Begleiterinnen durch die Gedenkstätte tut sehr bewußt und angemessen das ihre, durch ein ausgewogenes Maß an objektivierender historischer Distanz und Informiertheit und stiller Betroffenheit und dem Versuch, Ansätze zur Empathie zu vermitteln, den jungen Schülerinnen und Schülern bleibende Einsichten zu vermitteln.

Neben dem moralischen wie auf die Opfer bezogenen empathischen Zugang der jungen Besuchergeneration ist die zeitgeschichtliche Bezugsetzung als Rahmen notwendig. Letzteres kann aber ein ‚ferner‘ Gerschichtsunterricht nur begrenzt leisten.

Ein wissenschaftlich-theoretischer Zugang, der sich dem „Warum?“ nicht verschließt sondern sich daran versucht zu „erschlüsseln“, erscheint unter dem Gesichtspunkt übergeordneter Lernziele der Schule in interdisziplinärem Zugang geboten. Diese Chance, die z.B. im Unterricht über Werte und Normen vertieft werden kann, bietet der zivilisationstheoretische Zugang der Soziologie.

Gerade wenn es gelingt, über die allgemeinen Fragen nach Gewalt, Genozid und Massenmord hinausgehend die Einsicht zu vermitteln, daß die Tatsache, daß unvorstellbare Gewalt die Menschheitsgeschichte begleitet und auch heute die Frage, ob und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen in der Lage sind, das gegenseitige Töten abzuschaffen, nicht gültig beantwortet ist, keines der einzelnen Verbrechen ethisch legitimiert oder in seinen Wirkungen aufheben oder relativieren kann. Ein Aufrechnen der Vergangenheit mit der Gegenwart ist in keiner der beiden Richtungen möglich. Die politische und gesellschaftliche Perspektive muß sich in Kenntnis der Geschichte und in distanzierter Würdigung der Gegenwart auf die Zukunft richten, um ihr die erfahrenen und erlittenen Schrecken der Geschichte vielleicht ersparen zu können. Aber historische Erinnerung hat ein grundsätzliches Problem: Geschichte wird von den Überlebenden geschrieben...

Für die europäische Geschichte ist das Bewußtsein von Auschwitz ein notwendiger Bestandteil der Politischen Kultur. Aber Auschwitz wird in seiner ganzen Tragweite erst erkennbar, wenn deutlich gemacht werden kann, daß mit dem Mord an den Menschen eine ganze Kultur vernichtet wurde und eine jahrhundertelange jüdische Geschichte in Galizien und Osteuropa, in der Gesamtheit der Shoa auch im größten Teil Mitteleuropas abgebrochen ist und unwiederbringlich verloren ging. Daran wird das Programm am Montag im Krakauer Stadtviertel Kazimierz und am Dienstag mit unserer Fahrt durch das südostpolnische Galizien nach Lancut anknüpfen.

Als Lehrer konnten wir in Vorbereitung unseres Besuches in Kazimierz das Thema der Begegnung mit der jüdischen Tradition Krakaus am gleichen Abend noch vertiefen. Wir trafen uns mit den beiden Hannoveranern – und Pensionären – Karin Wille und Michael Meynecke, die als Vorstandsmitglieder der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover ihre Polenkontakte durch regelmäßige längere Aufenthalte in Kraków und ihre Teilnahme an einem Projekt zur Erforschung der jüdischen Geschichte der Stadt vertiefen konnten. Aus dem Besuch von polnischen Sprachkursen in den vergangenen Jahren heraus wurde der Kontakt zu einer Arbeitsgruppe in Krakau geknüpft, die sich planerisch-konzeptionell mit der Restaurierung und Wiederbelebung des Stadtviertels Kazimierz befaßt. In weiten Teilen ist dies auch Spurensuche nach der jüdischen Kultur der Stadt und des Stadtviertels, das in den letzten Jahren wieder eine neue, alte Gestalt annehmen konnte und zu einem städtebaulichen Schmuckstück zu werden verspricht. Die Gespräche an diesem Abend drehten sich dann um den Sinn und die Schwierigkeiten einer solchen auch für den Tourismus wertvollen Rekonstruktion ohne originäres jüdisches Leben im Stadtviertel.

Sonntag, 23. September: Busfahrt zum Salzbergwerk Wieliczka (Museum)

Als der Prinzessin Kinga, die spätere Heilige Kunigunde, ihr Verlobungsring überreicht wurde, der in einer salzigen Quelle in Wieliczka wieder gefunden wurde, nachdem sie ihn in einem Brunnen in ihrer Heimat Ungarn verloren hatte, wußte sie, daß Gott es so wollte, daß sie den polnischen König ehelichen und das Christentum im Osten verbreiten sollte. Und Wieliczka begann, seine Salzreichtümer abzubauen und teufte die älteste Salzmine Osteuropas ab.

Seit Jahrhunderten wird in der Staatlichen Salzmine Wieliczka Salz abgebaut: Acht Abbausohlen mit einer Gesamtteufe von über vierhundert Metern und mehreren tausend Abbauorten, „Kammern“ sind dabei entstanden. Unser Bergwerksführer nannte die Salzkörper, die im tauben Gestein verstreut liegen die „Rosinen“ – aber nicht im „Kuchen“, sondern im „Schweizer Käse“, als die die durchlöcherte Bergwerksregion Wieliczka heute erscheint.

Die für Touristen erschlossene Strecke beginnt nach einem Abstieg über eine hölzerne Treppe – wohlgemerkt viel sicherer und bequemer als die mittelalterlichen, senkrecht am Schacht stehenden hölzernen Treppenfahrten als eine Arte Treppenhaus eingerichtet – in ca. 93 m Tiefe in der dritten Sohle und führt über Gänge und Treppen bis auf ca. 115 m Tiefe mitten in das Salz. Die Sehenswürdigkeiten dieses Bergwerk sollen an dieser Stelle nicht eingehender beschrieben werden: Auf dem fast zwei Kilometer langen Weg kommen wir zu Kapellen, ins Salz geschlagen, wo die Bergleute vor Jahrhunderten bei flackerndem Kerzenlicht ihre Angst aus der Seele beteten, zu in Salz gehauenen Diaramen aus der Geschichte Wieliczkas, die seit dem 19. Jahrhundert entstanden und heute zur Veranschaulichung der harten Arbeit der Bergleute vor Ort showmäßig mit Ton und Licht „zum Leben erweckt werden“, und schließlich in die beeindruckend große Kapelle der Heiligen Kinga, in der auch heute noch für das Sprengel Wieliczka sonntägliche Gottesdienste abgehalten werden. Doch das ist nicht alles, was unter Tage zu bewundern ist. Abgesehen einmal von den touristischen Einrichtungen 120 m unter der Erdoberfläche: Souvenierläden, Verkaufsstände und einem Restaurant, befindet sich hier eine regelmäßig bespielte Sportarena mit Zuschauertribünen und ein, derzeit nicht bespieltes Kino.

In einigen Kammern bzw. Kavernen, erreichbar durch eine eigene Schachtfahrt, suchen Lungenkranke Linderung und Heilung.

Noch eine Sohle tiefer in ca. 130 m Tiefe befindet sich in neunzehn weiteren „Kammern“ ein Bergwerksmuseum, in das nur besonders interessierte Besucher hineinfinden, in unserem Falle nur die beiden Lehrer, die sich die Ausstellung von dem Bergwerksführer noch genauer erklären lassen konnten. Hier finden sich eine Vielzahl von originalen Bergwerksgeräten, Modellen und weiteren Genre-Darstellungen, Orts- und Bergwerks-Modelle und vor allem Dokumente aus der Geschichte des Bergbaus in Polen, Karten und geologische Darstellungen. Besonders beeindruckend ist auch die Sammlung von Salzmineralien sowohl aus Wieliczka wie aus anderen Fundstellen vor allem in Polen.

Dem Bergwerksführer, einem jüngeren Physiklehrer am Gymnasium in Wieliczka, gelang es vorzüglich, das Gesehene zu erläutern und lebendig zu machen, Fragen sachgerecht und doch interessant zu beantworten und das Bergwerk auch für die Schülerinnen und Schüler lebendig zu machen. Wir wünschten uns auch für unsere Schule einen solch engagierten und pädagogisch wie fachlich über die Scheuklappen einer einengenden Didaktik hinausblickenden naturwissenschaftlichen Unterricht, der ebenso kompetent die praktischen Anwendungen wie die gesellschaftlichen und historischen Kontexte aufzuzeigen vermag und Interesse für den Gegenstand wecken kann!

Während nach vierstündigem Programm die Schülerinnen und Schüler am frühen Nachmittag wieder mit dem Linien-Kleinbus – nach der Art des türkischen ‚Dolmus‘ – für 2 Zl. pro Person nach Krakau zurückführen, nutzten die beiden Lehrer die Gelegenheit zu einem privaten Besuch in Wieliczka. Diese privaten Kontakte sind Ausdruck früherer Begegnungen. Sie dienen zunehmend dazu, in die informelle Ebene der polnischen Gesellschaft einzudringen. Durch diese privaten freundschaftlichen Bande können neue Kontakte geknüpft, Informationen beschafft und gegebenenfalls organisatorische und andere Probleme gelöst werden.

Bei unserer diesjährigen Fahrt nach Polen ist ein wesentlicher Teil unseres geographischen Programmes, des Besuches in der Universität und der fachlich-geographischen Problematisierung des Themas Krakau und Galizien unseren freundschaftlichen Kontakten zu Prof. Kortus zu danken, über die wir schon berichtet haben.

Der Sonntag-Abend bot uns Gespräche über die heutige gesellschaftliche Situation in Polen und damit vor allem Einblicke über die aktuellen politischen Veränderungen. Besonders spannend war es hier, im polnischen Fernsehen den Wahlabend mit den einlaufenden Ergebnissen der Wahl zum Sejm, dem polnischen Parlament, zu verfolgen. Die Wahlergebnisse waren für Außenstehende sensationell, da das bisher regierende konservative Wahlbündnis, das es nicht vermocht hatte, sich zu einer funktionierenden Partei zusammenzuschließen, unter die 8 %-Sperrklausel fiel und die aus den „Postkommunisten“ hervorgegangenen Sozialdemokraten die Mehrheit errangen.

Montag, 24. September: Besichtigung von Kazimierz (Synagogen, jüdischer Friedhof)

Die in unserem Programm besonders wichtige Besichtigung des in Restauration befindlichen Stadtviertels Kazimierz stand unter keinem guten Stern: die wolkenbruchartigen Regenfälle machten eine ausgiebigere Begehung fast unmöglich, so daß sich die Gruppe in zwei zu besichtigende restaurierte Synagogen flüchten mußte.

Die beiden schon erwähnten Freunde, Frau Karin Wille und Herr Michael Meynecke, waren bereit, die Gruppe durch den Stadtteil zu führen und aus ihrem umfassenden historischen Wissen die notwendigen Erläuterungen zu geben. Doch dies war dann trotz dankenswerter Bemühungen nur ansatzweise möglich. Die durchnäßte Kleidung und der unaufhörliche Regen dämpften Interesse und Aufmerksamkeit verständlicherweise doch sehr. Dennoch sei beiden hier ein ganz herzlicher Dank ausgedrückt.

Der Vormittag war für die Gruppe frei, um noch auf eigene Faust Krakau besichtigen zu können und das ersehnte „shopping“ zu ermöglichen. Das war auch darum nötig, weil der ganze nächste, letzte Tag mit der Fahrt nach ºancut ausgefüllt war. Die Lehrer hatten noch organisatorische Aufgaben im Reisebüro und nahmen dann mit einem kleinen Rundgang „Abschied von Krakau“.

Schon das Treffen an der Hauptpost um 14 Uhr fand in strömendem Regen statt. Am Marktplatz von Kazimierz verschwand das eigentlich idyllische, sorgfältig restaurierte Stadtbild hinter grauen Regenschleiern. Unter der Baumgruppe in der Mitte des Platzes, deren Äste kaum Schutz vor dem Regen boten, konnte nur eine kurze Orientierungshilfe gegeben werden. Erst in der alten Synagoge am Rynek von Kazimierz, der einzigen, die noch aktiv betrieben wird, konnten wir uns erste Eindrücke vom jüdischen Leben in Kraków vermitteln lassen.

Kazimierz wurde im 14. Jahrhundert von König Kazimierz Wielki („der Große“, 1333-1370) als eigene Stadt für jüdische Händler unterhalb des Wawel gegründet und mit Stadtrechten versehen. In dieser Zeit versuchten die polnischen Könige und Adligen, deren Lebensbasis das Land und die Bauernschaft war, durch Förderung der Immigration von Städtern aus Westeuropa und Deutschland und durch Privilegierung jüdischer Händler, die in den Osten kamen auch um Pogromen in Westeuropa zu entkommen, Anschluß an die gesellschaftliche und ökonomische Moderne und Zugang zu neuen materiellen Ressourcen zu gelangen, ohne die eigene Lebensform der Szlachta-Gesellschaft aufgeben zu müssen.

Die Folge war eine über mehrere Jahrhunderte andauernde Stadtgründungs-Periode, der alle heutigen polnischen Großstädte entstammen. In der deutschen Geschichtsschreibung wird diese Zeit oft als „Ostkolonisation“ tituliert, eine mißverständliche Begrifflichkeit, da der Anstoß für diese Migration eher in Polen und in den Interessen der Szlachta selbst zu suchen ist (als sogenannte „Pull Faktoren“ der Migrationsgeographie) als im originären Wanderungsbedürfnis der mitteleuropäischen Siedler, geschweige denn in systematischem Entschluß deutscher Fürsten zu einer so gar nicht stattfindenden „kolonialen Erschließung“ wie sie gegenüber außereuropäischen Räumen Jahrhunderte später von Westeuropa ausging.

Wenn wir von „Kolonisierung“ sprechen wollen, dann höchstens im alten Sinne von „colon“, dem Siedler. Doch war es grundsätzlich eine städtische und keine ackerbürgerliche Migration, da dieser Bereich den polnischen Einwohnern und Adligen vorbehalten war und ihren in der Szlachta artikulierten Interessen. Im Sinne dieser „polonitas“ war das adlige Landleben, der Gutsbesitz, dem Leben und der Arbeit der Städter kulturell und ethisch überlegen. Ein Stadt-Land-Gefälle in den Wertschätzungen der politischen Kultur war durchaus noch mittelalterlich und den neuzeitlichen Vorstellungen entgegengesetzt. Die Disparitäten zwischen Stadt und Land waren daher in Polen anders strukturiert als in Mittel- und Westeuropa und sie markierten deutliche kulturelle und sprachliche Unterschiede, verbunden mit der Tatsache, daß die originären Machtzentren in den ländlichen Adelssitzen und nicht in den Städten zu finden waren.

Eine Besonderheit der Stadtgründungen und urbanen Privilegierungen in Polen war die aus gegebenen Machtbalancen in der Szlachta-Gesellschaft herrührende Parallelität und Mehrkernigkeit der Stadtanlagen fast aller heute groß gewordener Städte. Warszawa, Gda½sk und auch Kraków haben mehrere städtische Siedlungkerne, die im Mittelalter mit unterschiedlichen Stadtrechten ausgestattet und wie in Warschau sogar durch Befestigungsanlagen (Barbakan) voneinander getrennt wurden, wobei die Bezeichnungen Altstadt und Neustadt mißverständlich sind, da bei de Stadtgründungen in der gleichen Periode erfolgten. In Nordpolen wurde bei Stadtgründungen vorzugsweise das Lübische Recht der Hansestädte angewandt, in Mittel- und Südpolen wurde Kulmer und Bamberger Recht bevorzugt. Doch findet sich in der Geschichte der Stadtgründungen in Polen eine sehr differenzierte und vielgestaltige rechtliche Situation.

In Kraków war zunächst die Wehrsiedlung auf dem Wawelhügel, die später zum Königsschloß ausgebaut wurde, unabhängig von der Bürgerstadt um den Rynek G»ówny. Zwischen beiden lag umfangreicher Kirchenbesitz entlang der »Kanoniker Straße« bis hin zur Grodzka, der nicht zum Stadtgebiet der Bürgerstadt gehörte. Wie schon erwähnt, wurde der Stadtteil Kazimierz als unabhängige Stadt zu Füßen des Wawel von seinem Namenspatron  König Kazimierz Wielki („der Große“, 1333-1370), dem letzten Sproß der mittelalterlichen Piastendynastie gegründet. Der zu seiner Regierungszeit nicht günstig verlaufende permanente Kampf mit dem in Nordpolen liegenden „Ordensstaat“ des Deutschen (Ritter-)Ordens – in der polnischen Diktion wird fälschlicherweise oftmals vom Deutschen Kreuzritter-Orden gesprochen – veranlaßte Kazimierz zur Suche nach neuen materiellen Machtressourcen. „Es beginnt, im Rahmen der aus deutscher Sicht als ‚Ostkolonisation‘ bezeichneten spätmittelalterlichen Siedlungs- und Städtegründungsphase, eine Belebung der Stadtkultur; städtische Privilegien, ein neues Stadtrecht und Förderung des Handels finden ihren Höhepunkt in der Gründung der Krakauer Akademie (Collegium majus), der Vorgängerin der späteren Jagiellonen-Universität...  in dieser Zeit entstehen große gotische Kirchenbauten, Schlösser und Burgen“ (aus: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt: Polen – Nation ohne Ausweg? Eine Einführung in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Umwelt. Geschichte und Staat Band 274. München 1986 (Günter Olzog Verlag), S. 227). Zu den erwähnten Gründungen gehörte auch die Stadt Kazimierz, die später in den Stadtbereich Krakaus als Stadtviertel einbezogen wurde.

Die jüdische Händlerschaft war im Mittelalter nicht nur im Mittelmeer-Gebiet sondern auch in Mittel- und Osteuropa ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor, wenn auch auf der Basis äußerster gesellschaftlicher Unsicherheit und oft willkürlich gesetzter Handelsprivilegien. Händler waren im rural geprägten Früh- und Hochmittelalter eine nicht integrierte und oft ebenso verachtete wie benötigte soziale Gruppe; selten rekrutierte sie sich in dieser Zeit aus Einheimischen, erst recht nicht aus dem Stand der Adligen, häufiger jedoch waren Händler „Fremde“, zunächst vor allem aus dem Nahen Osten und dem Mittelmeergebiet. Über die großen Ströme kamen sie vom Schwarzen Meer auch in die slawischen Gebiete Rußlands und Polens. Münzfunde in ganz Europa belegen diese alten Handelswege.

Erst mit dem Wachstum der europäischen Städte entstanden europaweit agierende Städtebünde, wie die Oberitalienischen Städte oder die Hanse, und einheimische Handelshäuser mit Kontoren in ganz Europa, wie die Medici aus Florenz – in deren Gefolge sich der Florentiner Goldgulden über Europa verbreitete und im holländischen Gulden [HFL = Holländischer Florentiner] oder im ungarischen Forint seine Reminiszenz findet – oder die Fugger aus Augsburg, die auch in Warschau ein Kontor unterhielten aus dem in der Neuzeit ein bekanntes Restaurant wurde [„Fukier“]. Die jüdischen und arabischen Händler kamen in dieser Entwicklung unter Druck und verloren ihre Märkte teilweise an die neuen städtischen Handelshäuser. So war es für sie von einiger Bedeutung, wenn ihnen mit der Gründung von Kazimierz herrschaftlicher Schutz, Religionsfreiheit und die Möglichkeit zum Handeltreiben gewährt wurde. Kazimierz wurde zu einem Zentrum der jüdischen Kulturentwicklung in Galizien. Ergänzt wurde dieses durch die Gründung von Kazimierz Dolny am Mittellauf der Weichsel.

Zunächst hatte Kazimierz auch eine eigene Stadtbefestigung. In die Befestigung von Krakau ist der Stadtteil nie einbezogen worden. Wie bei jeder Handelsbürgersiedlung steht ein Marktplatz – mit einem eigenen Rathaus – in der Mitte, der heute auch wieder Zentrum der Restaurierungen ist. Aber an dem Platz findet sich keine christliche Kirche, wie z.B. in Krakau am Rynek die Marianska, die Marienkirche, sondern eine Synagoge – eben die, in die wir uns dann bald vor dem Regen geflüchtet hatten. Doch die katholische Kirche ließ dieses jüdische Siedlungszentrum nicht auf sich beruhen. Schon in der Gründungsphase gründete sie zwei Klosterkirchen am Rand Kazimierz, um eigene Macht und Suprematur in Polen zu demonstrieren und wohl auch in der meist vergeblichen Hoffnung auf Bekehrungserfolge. Gegen dieses Vorgehen konnte auch der katholische König Kazimierz Wielki als Patron der Stadt nichts einwenden...

So stand jüdische Kultur auch hier unter ständigem Abgrenzungs- und Legitimationsdruck, wenn auch in diesen frühen Zeiten vor Pogromen und Verfolgungen sicherer als in den oft aggressiv antisemitischen christlichen Regionen Deutschlands, aus denen Juden nach Osteuropa flohen. Die Tragik der jüdischen Existenz in West-Mitteleuropa erschließt sich schon in literarischen Dokumenten z.B. bei Heinrich Heine in der Erzählung Der Rabbi von Bacherach.

Noch mehrere andere Synagogen sind in Kazimierz zu finden. Die Isaak-Synagoge, die wir auch besichtigen konnten, wird heute nicht mehr für den Kultus genutzt, ist aber ein jüdisches Museum, in dem die von den Nazis verursachten Zerstörungen in der Inneneinrichtung dokumentiert sind. Auf einer Leinwand werden originale Dokumentarfilme vom jüdischen Leben in Kazimierz 1938 und vom Abtransport der jüdischen Bevölkerung ins Ghetto in der Zeit der Nazi-Okkupation gezeigt. In Nebenräumen befindet sich eine Foto-Dokumentation über das Schicksal der Juden in  Polen im 20. Jahrhundert.

Die Juden von Kazimierz wurden während der Zeit der Nazi-Okkupation mit Gewalt in ein auf der anderen Seite der Weichsel eingerichtetes abgesondertes Ghetto getrieben, wovon die Filmdokumente in der Isaak-Synagoge berichten. Von diesem Ghetto aus wurden sie in mehreren Transporten in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht und dort ermordet. Dies ist auch der Hintergrund der Geschichte des Buches und des Filmes „Schindlers Liste“, den Steven Spielberg größtenteils im Stadtviertel Kazimierz gedreht hat. So entsteht die für das späte 20. Jahrhundert typische und nichtsdestoweniger bedrückende Situation, daß das historische Bild der jüdischen Kultur in Kraków und Kazimierz weniger durch die verblassende gesellschaftliche Erinnerung und durch originale Dokumente, wie sie in der Isaak-Synagoge gezeigt werden, geprägt wird, als durch eine fiktionale Rekonstruktion, die zwar verdienstvoll ist, da sie gegen das historische Vergessen wirkt, andererseits notwendigerweise die filmische, hollywoodeske Perspektive vermittelt und vermitteln muß. So gibt es heute Besuchergruppen, die weniger an der eigentlichen jüdischen Geschichte Kazimierzs als an der Besichtigung der Drehorte zu „Schindlers Liste“ interessiert sind. Wird so letztlich ein Stadtviertel zur Rekonstruktion einer Filmkulisse? Von den ursprünglichen Bewohnern des Stadtviertels lebt wohl kaum noch einer von den wenigen, die noch rechtzeitig ins Exil fliehen konnten. Vom Ghetto der Besetzungszeit sind höchstens noch marginale Spuren und Gedenkstätten erhalten. Auch Kazimierz selbst ist eher Rekonstruktion denn als Restauration tatsächlich erhaltener Bausubstanz aus der Vorkriegszeit einzuordnen. Die Synagogen mußten in den letzten Jahren aus unkenntlich machenden Um- und Anbauten erst herausgeschält und wieder sichtbar gemacht werden. Die Frage nach den authentischen Wurzeln historischer Erinnerung stellt sich hier sehr deutlich und ist nur schwer endgültig zu beantworten.

Nach der Besichtigung der Isaak-Synagoge zerstreute sich die Gruppe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, entweder um unter dem Regen zur Straßenbahn zu laufen und ins Hotel zurück zu fahren, oder in einem der vielen kleinen Cafés auf ein Nachlassen der Wolkenbrüche zu warten. Der Abend stand zur freien Verfügung. Die Lehrer nutzten ihn stilvoll mit einem kosheren Abendessen in Kazimierz.

Dienstag, 25. September: Exkursionsprogramm in Ostpolen: Lancut

Die Polnische Geschichte ist die Geschichte des polnischen Adels, der Szlachta, und seiner Entwicklung vom mittelalterlichen freien Bauerntum zur Herrschaft der Großgrundbesitzer, der Magnaten, als zuletzt, wenn ich die Angaben richtig erinnere, rund 20 % des Landes im Besitz von nur neun Magnaten-Familien und ca. 80 % im Besitz des Adels insgesamt war. Die Existenz dieser Magnatenschicht war in gewisser Weise widersprüchlich. In der Hand der Radziwill, der Lubomirski, der Czartoriski, der Potocki oder der Zamoyski und der übrigen großen Familien befanden sich unermeßliche Reichtümer und Ländereien, in denen die Majoratsherren nahezu unbeschränkte Macht in ihren Gebieten hatten.

Andererseits war dies eine vormoderne Herrschaft, allein auf Besitz an Boden und den darauf arbeitenden Menschen gegründet. Die neuzeitliche ökonomisch-gesellschaftliche Entwicklung ging an den Magnaten weitgehend vorbei. Das erklärt manche gesellschaftliche Disparitäten und kulturelle oder ökonomische Anachronismen, die die polnische Geschichte charakterisieren und teilweise bis heute beeinflussen.

Die Land- und Anbaustruktur auch der Magnatengüter war durch ein Pächtersystem weiterhin kleinbäuerlich und kleinräumlich strukturiert. Dies gilt vor allem für den Osten des heutigen Polens, da das Jagiellonische Polen durch die Personalunion mit Litauen und durch den Verlust von Pommern und Schlesien schon während der vorangegangenen Piastenzeit eine Ostverschiebung durchgemacht hat, die erst als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und des Potsdamer Abkommens wieder rückgängig gemacht worden ist. So durchzieht das heutige Polen auch landwirtschaftlich eine Strukturgrenze von Nord nach Süd, bei der im Westen im ehemals deutschen Bereich der »Landjunker« großflächiger Anbau dominiert.

Der Osten war Magnatenland und landwirtschaftlich wie allgemein ökonomisch-gesellschaftlich zunehmend rückständig, ein Prozeß der sich unter Zaristischer bzw. Habsburger Herrschaft während der „Polnischen Teilungen“ nur noch verstärkte. So besteht bis heute ein deutliches west-östliches Entwicklungsgefälle in Polen, das im östlichen Grenzbereich deutliche sozioökonomische Binnenperipherien verursacht. Dieser strukturschwache Raum Galiziens östlich von Kraków war Ziel und Thema unserer letzten Tagestour, für die wir eigens einen kleineren Reisebus beim Krakauer Reisbüro Radtur angemietet hatten, der uns um 8 Uhr morgens vom Hotel abholte. Charakteristisch für die Transformationssituation Polens ist, daß alle Busse der Firma Radtur und ihrer „Subunternehmer“ aus westeuropäischer Produktion stammen, unabhängig von der nicht äußerlich erkennbaren Produktionsstätte der Fahrzeuge. Diese ökonomischen Verflechtungen, die sich für Außenstehende wenig bemerkt schon lange vor der „politischen Wende“ angebahnt hatten, sind ein eigenes gewichtiges Thema, um die Transformationsprozesse Ost- und Ost-Mitteleuropas verstehen zu können und perspektivisch in die derzeitigen Globalisierungsprozesse einzubinden.

Im Bus besprachen wir die erwähnten Besonderheiten der polnischen Geschichte, sprachen über die Rolle der Szlachta in der Adelsrepublik und die Bedeutung der Magnatenherrschaft. Gleichzeitig sollte vom Bus aus die heutige ökonomische und strukturelle Situation des Gebietes beobachtet und interpretiert werden, die heute durch die Transformationsprozesse und durch die wachsenden zentralräumlichen Disparitäten um den Agglomerationsraum Kraków herum gekennzeichnet ist. Ziel war das heute für den Tourismus erschlossene Magnatengut Lancut, das als ländliches Schloß mit einer großen Parkanlage, aber auch begleitet von Wirtschaftsgebäuden, vor allem prächtigen Pferdeställen und Kutschenremisen, zu charakterisieren ist. Gegründet von der Familie der Lubomirski gehörte Lancut zuletzt zum Besitz der Potocki; doch waren durch Heirat und Verschwägerung eigentlich alle Magnatenfamilien mit einzelnen Herrschaftspersonen unter den Bewohnern Lancuts zu finden.

Der Abend galt der Freizeit in Kraków bis zu einem Abschiedsessen für die Reisegruppe, das von den Schülerinnen und Schülern selbst in einem italienischen Restaurant „Da Pietro“ am Rynek Glowny organisiert worden war.

Rückfahrt nach Hannover

Am Mittwoch, 26. September 2001, ab Kraków 09:12 Uhr ging es mit dem  IC 42 zur Rückfahrt nach Hannover. Umsteigen in Berlin Ost 18:32 in den ICE 842 und Ankunft in Hannover um 20:57 Uhr. Die Fahrt verlief reibungslos und pünktlich.

Die Fahrt wurde zu einem Pauschalpreis des Reisebüros Partner-Reisen, zu dem in Polen noch die Fahrt nach Wieliczka und die Busfahrt nach Lancut kamen für ca. 775,- DM für Bahnfahrt, Unterbringung in Doppelzimmern, Halbpension (Frühstück und Abendessen), Exkursionen nach Wieliczka und Auschwitz, Eintrittskosten, Fahrscheine für den ÖPNV, Veranstaltungen etc. für alle Schülerinnen und Schüler angeboten. Eine detailliertere Abrechnung wird für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch erstellt.

Zusätzlich fielen Visumgebühren für Polen nur für nicht-deutsche Staatsbürger an.

Für zusätzliche Verpflegung zur Halbpension, Getränke und persönliche Ausgaben war noch mit einem gewissen Taschengeld zu rechnen. Die relativ große Kaufkraft beim Eintausch in polnische Zloty erleichterte das Auskommen mit den angesetzten Finanzen.

Adresse des Reisebüros (mit einer entsprechende Empfehlung):

Partner-Reisen Thomas Hübner & Katarzyna Potrykus GbR

Alte Ziegelei 4, D 30419 Hannover

Tel.- 0511-797013, FAX 0511-797016, eMail <Partner-Reisen@t-online.de>

Adresse des Hotels in Krakau:

Hotel Letni „Bydgoska 19“ (früher Studentenheim und im Sommer Studentenhotel)

ul. Bydgoska 19, PL 30-056 Kraków, Tel. (4812) 6368000, FAX (4812) 6387788

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Inhalt

Zu den inhaltlichen Kontexten der Studienfahrtplanung

Der Verlauf der Studienfahrt

Hinfahrt nach Kraków

Donnerstag, 20. September: Stadtrundgang

Freitag, 21. September: Fachgespräche über Polen, Besichtigung des Wawel

Samstag, 22. September: ganztägige Fahrt zur Gedenkstätte Auschwitz

Sonntag, 23. September: Busfahrt zum Salzbergwerk Wieliczka (Museum)

Montag, 24. September: Besichtigung von Kazimierz (Synagogen, jüdischer Friedhof)

Dienstag, 25. September: Exkursionsprogramm in Ostpolen: Lancut

Rückfahrt nach Hannover

Organisatorische Ergänzung: Kosten, Adressen

Redaktionelle Anmerkung:

Die Vorbereitung und Auswertung der Studienfahrt erfolgte im Rahmen des »Arbeitsschwerpunktes Polen« zum Thema »Länderübergreifende elektronische Partnerschaften / Begegnung mit Polen« im Projekt

InfoSCHUL II-2 im Schulverbund Hannover / gefördert durch das BMfB+F

Impressum für diese Seite

Erstellt im Rahmen des Unterrichts an der Bismarckschule Hannover. An der Bismarckschule 5. D 30173 Hannover. Leistungskurs Erdkunde Schuljahr 2001/2002 / Lehrer: OStR Gerhard Voigt.

Veröffentlicht vom UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

Autor: Gerhard Voigt, OStR i.R.

Bismarckschule.Voigt@gmx.de 

http://www.Bismarckschule.de  

Textfassung: 06.10.01 • P1-BE01.DOC

Leistungskurs Erdkunde Schuljahr 2001/2002 / Lehrer: OStR Gerhard Voigt.

Rahmenthema „Transformationsländer“. Studienfahrt nach Kraków, Herbst 2001.

Autoren: Gerhard Voigt mit Beteiligung von Dr. Lothar Nettelmann (Kursleiter).

Erstveröffentlicht im Internet im April 2002 unter
http://www.unesco-club-bismarckschule.de  .(WebSite gelöscht).

Alle Urheberrechte vorbehalten. Freie Verwendung für Zwecke der Bildung und Ausbildung in Schulen und Hochschule ist zugestanden.

IV/02/Voigt / Revidiert 10. April 2008

Internetpublikation revidiert am 20.07.2009

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung:13.02.2011

   
   

 

     
   

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