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Dr. Lothar Nettelmann

25 Jahre Rückblick Hannover – Posen/Poznań
Bilanz und Ausblick einer Schulpartnerschaft

Ich möchte vor allem das erwähnen, was vielen nicht bekannt oder geläufig ist. Das, was normalerweise immer gesagt wird, möchte ich nur kurz streifen.

Es begann vor 25 Jahren – doch eigentlich viel früher. Im Rückblick sehe ich einen weiten Bezugsrahmen. Für mich, und ich vermute für viele andere meiner Altersgruppe auch, begann das Interesse bereits in der Schulzeit der sechziger Jahre. Aus dem Interesse, dem erfahrenen Wissen um historische Zusammenhänge erwuchs Neugier gegenüber dem bis dato Verborgenen. Daraus entstanden die Bereitschaft und der Wille zum Engagement.

Mein Lehrer, der mich damals am MCG im Bereich der Politischen Bildung motiviert hat, war Wolfgang Scheel. Er hatte zuvor sein Referendariat an der Bismarckschule absolviert und engagierte sich für Israel und später – als Mitarbeiter und Leiter der Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, für Polen. An unserer Schule war er mit dem UNESCO-Gedanken konfrontiert und vertraut gemacht worden. Dadurch wurde dieses für mich schon früh zu einem Vorbild-Modell.

Vor genau vierzig Jahren, im August/September 1968, wurde das Interesse für Osteuropa über das Geschehen in der Tschechoslowakei nachhaltig geweckt. Dass zur gleichen Zeit in Warschau Studenten von der Polizei niedergeknüppelt worden sind, Studenten, Assistenten und Professoren aus den Universitäten Polens hinausgeschmissen oder zur Emigration gedrängt worden sind, wurde hier im Westen nur am Rande wahrgenommen, zumal auch in den Jahren 1967/68 in den westeuropäischen Städten „einiges los“ war. Leider wird dieses jetzt stigmatisiert und instru­men­tali­siert; oftmals von denen, die darüber keine Sachkenntnis haben oder schon damals nicht verstanden, worum es den jungen Leuten wirklich ging.

Die Systeme des „Ostblocks“, wie man damals noch sagte, wankten beträchtlich trotz der dortigen Panzer-Armeen und der rostenden Grenzanlagen. Man benötigte dort neue Feindbilder, deshalb wurde dort wieder eine antisemitische und antiisraelische Welle erzeugt wie auch eine anti­westliche, die dann z.B. „antiimperialistisch genannt wurde. Dieses politische Geschehen, bewirkt durch die Herrschenden in Osteuropa, hat dort einen ungeheuren Verlust an Politischer Kultur und an Wissenschaft bewirkt.

Ich selbst saß in jenen Wochen ständig vor dem Fernseher, da ich damals beim „Bund“ auf meiner Stube als Unteroffizier meinen eigenen Fernseher hatte und nur wenig zu tun hatte. So konnte ich die über das österreichische Fernsehen weitergeleiteten Sendungen aus Prag verfolgen.

Mein Interesse an Ost-Mittel-Europa war nachhaltig geweckt. Ich wollte alles über dieses unbekannte Gebiet wissen und folglich beschäftigte ich mich im Studium mit all dem, was wir unsere jüngste Geschichte nennen.

Ich erwähne dieses, da ich meine, dass für viele, die jetzt beginnend zur älteren Genera­tion gehören, ähnliche Weichenstellungen erfolgt sind und auch jeder seine eigenen Schlüs­sel­erlebnisse gehabt hat, bei uns und auch in Polen, Ungarn und der damaligen CSSR, sicherlich auch in der DDR.

Ich sage dieses auch gerichtet an die Jüngeren, dass der UNESCO-Gedanke eine Leitfunktion für diese Schule hat und eine moralische Verpflichtung bleiben muss.

Fünfundzwanzig Jahre Schüleraustausch bedeuten zweieinhalb Jahrzehnte lang vielerlei gemein­same Tätigkeiten, Freude, Gespräche, Kultur, auch: historischen Schutt beiseite zu räumen, Freund­­schaften herauszubilden und zu feiern.

Bei uns in Hannover fing alles viel früher an. Es waren Bürgerinnen und Bürger aus Hannover; aus dem Rat, der Verwaltung, der Wirtschaft und interessierten Vereinigungen, die nach Polen fuhren, vor allem nach Posen. Bald versuchte man, den Namen Poznań richtig auszusprechen.

Erste Studienreisen nach Polen, organisiert von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, waren bereits in den sechziger Jahren durchgeführt worden. Ein Teil­nehmer, Lehrer dieser Schule, Bernhard Buschmann, ein gebürtiger Breslauer, hat für die Bibliothek der Schule Literatur über Polen angeschafft und das Thema Polen in seinem Geschichtsunterricht schon sehr früh behandelt. Als zeitweiliger Mitarbeiter im KM und als Landesfachberater für Gemeinschaftskunde hat er seinen Einfluss geltend gemacht.

In Posen war das Interesse der Gesprächspartner deutlich größer, als das offizielle Warschau es zu genehmigen versuchte. Die Bereitschaft erfasste die in Politik, Wirtschaft und in der Bildung tätigen. Den Nationalkommunisten und den moskauorientierten Kommunisten bzw. der Beton­fraktion, wie man sie später nannte, war es ein Dorn im Auge. Die SED versuchte von Anfang an Keile zwischen den sich anbahnenden Prozess der Annäherung, Zusammenarbeit, Versöhnung und Verständigung zu treiben. Der Osten benutzte dafür gern den Begriff der Normalisierung – aber das hatte eine andere Konnotation, es bedeutete nämlich die Anerkennung des Status quo durch den Westen, also den Versuch, das politische System im Osten zu stabilisieren, was die Menschen dort, wie sich zunehmend herausstellte, nun gar nicht so gern hatten.

Zu denen, die Anfang der siebziger Jahre an einer Studienreise für Lehrer teilnahmen, gehörten u. a. Ulrich Bauermeister, Albrecht Riechers und die Kulturpolitiker Wolfgang Scheel und Rolf Wernstedt.

Mein eigenes konkretes Engagement begann zufällig 1975, als ich mit meinem ersten LK eine Studienreise unternehmen wollte und mir privat ein Vertreter der Landeszentrale, Wilfried Wiedemann, den Vorschlag machte, doch nach Polen zu fahren. Man würde die Fahrt in jeder Hinsicht unterstützen, was dann auch geschah. Eine zweite und dritte Reise mit Schülern und einigen Lehrern folgte dann jeweils privat organisiert in den Osterferien 1977 und '79 sowie als Studienfahrt nach Anfrage im Außenministerium in Bonn und mit persönlicher Genehmigung des Kultusministers im September 1980. Es war die heiße Phase der Streikaktionen, in der die Verhandlungen in Danzig liefen und die Solidarność gegründet wurde. Wir – die auf Studienfahrt befindliche Kurse Homburg und Nettelmann – waren sozusagen Zuschauer im Weltgeschehen.

1979 besuchten wir auf meinen ausdrücklichen Wunsch eine Schule, die Deutsch als Fremdsprache lehrte, eben das V. Lizeum. Nach dem Höflichkeitsaustausch, den üblichen Gesprächen über das polnische Schulsystem und die anderen „Nebensächlichkeiten“, kamen wir zur Sache: Zu meiner damaligen Überraschung wurde seitens der polnischen Lehrerinnen in aller Deutlichkeit der innige Wunsch ausgesprochen: „Wir müssen unsere Schülerinnen und Schüler zusammenbringen!“ Direktor Henicz unterstützte es mit zurückhaltendem Lächeln – aber eindeutig. Alle schauten uns dabei an und wir verspürten den tiefen Wunsch, aber auch die Skepsis angesichts der damaligen Situation, dieses durchführen zu können und andererseits das latente Gefühl von Ohnmacht. Aber gleichzeitig die Hoffnung: „Ihr könnt und müsst es durchsetzen!“ Und: „Gemeinsam müssen wir dafür kämpfen, dann schaffen wir es!“

1980 wiederholten wir den Besuch. Jetzt konnte ich schon die Einladung unseres Schul­leiters, unterstützt vom Kultusminister (damals Remmers) und dem Oberbürger­meister überbringen. Ich wollte auch gleich damit beginnen, die organisatorischen Fragen zu klären. Mir wurde aber bedeutet, dass es so schnell nicht ginge – und außerdem hatte man wohl noch nicht so wirklich damit gerechnet.

An der Bismarckschule fand 1978 eine von Gerhard Voigt organisierte Polnische Woche statt in Zusammenarbeit mit dem Freizeitheim Linden. Die Veranstaltung war ein großer Erfolg. Die Medien berichteten darüber, zumal ein polnischer Experte, den die Botschaft in Köln vermittelt hatte, an einer Podiumsdiskussion teilnahm.

In vielen Schulen Niedersachsens gab es einen vergleichbaren Beginn solcher Aktivitäten. Es waren zumeist Projektwochen zur Vorbereitung von Studienfahrten. In Bremen, Göttingen und Hamburg begannen ebenfalls die Schüleraustausche. Gerhard Voigt führte dann in den 80er und 90er Jahren Studienreisen nach Polen unter unterschiedlichen Aspekten durch.

Die 70er Jahre waren die Zeit des beginnenden Wandels durch Annäherung. Man hoffte auf die Reformbewegungen im Osten. Insofern gab es Unterstützungen durch Land und Stadt für kulturelle Partnerschaften. Nicht zu vergessen das wirtschaftliche Motiv: Der Osthandel entwickelte sich positiv und davon profitierte der Westen in hohem Maße.

Die Entwicklung zur Schulpartnerschaft verlief dramatisch. Unserer beiderseitige Euphorie, die in entsprechenden Anträgen mündete, folgte die Akzeptanz bzw. die entsprechenden engagiert vorgetragenen dortigen Verfahren in Schul- und Stadtverwaltung.

Bald folgten die Verhinderungsversuche: der eisige Gegenwind aus Warschau, wobei immer wieder Ost-Berlin als Verursacher der Misere genannt wurde. Bezüglich Moskau wurde immer wieder die substanzielle Angst vor dem „großen Bruder“ spürbar. Letztlich erfuhren wir alles, was im Hintergrund ablief, nicht von den Betroffenen, die sich ja nicht äußern durften, aber von polnischen Journalisten und anderen Menschen, die Einblick in Partei und Administration in Warschau hatten. Ja, es gab dort qualifizierte und engagierte Menschen, die alles taten, um zu Sinn und Vernunft zu kommen und die Doktrinen eines abgewirtschafteten Systems unterliefen. Dazu gehörten Wissenschaftler und hochrangige Mitarbeiter in der Kultusbürokratie. Dies war beeindruckend und ermutigend. In der DDR wäre es undenkbar gewesen. Die Polen hatten ein substanzielles Interesse an kulturellen wie wissenschaftlichen neben den wirtschaftlichen Kontakten. Die BRD war für sie der entscheidende Weg um aus der Misere und Sackgasse des östlichen „Realsozialismus“ herauszukommen.

Eine erste schriftliche Einladung unsererseits an die Partnerschule erfolgte für September 1981. Das V. Lizeum bat dann um eine Verschiebung auf 1982. Inzwischen war am 13. Dezember 1981 der Kriegszustand ausgerufen worden. Sämtliche Kontakte wurden in Polen „auf Eis gelegt“. Die tiefe Krise führte zu einer Agonie in der polnischen Gesell­schaft. Aus Hannover half man auf vielerlei Weise, aber das ist jetzt nicht das Thema.

Unser erklärter Wille war es, das Eis zu durchbrechen und zu Tauwetter und Frühling zu kommen, um diese osteuropäischen Begriffe der Hoffnung zu nennen, die der jungen Generation inzwischen wahrscheinlich unbekannt sind. „Nun erst recht“! Wir waren überzeugt, es zu schaffen. Aus Polen kamen viele Signale: „Ihr müsst dieses leisten und nur Ihr habt die Möglichkeiten dazu!“

Mit dem Kriegszustand war eine Welle von Hoffnung auf einen friedlichen Wechsel zu Frieden und Wohlstand zusammengebrochen. Mutlosigkeit hatte das ganze Land erfasst. Auch für uns, die wir unsere innere Verbindung mit den Menschen in Polen durch Tragen des Solidarność-Abzeichens hier in der Schule zum Ausdruck brachten, war es depri­mie­rend.

Ob der damalige Kriegszustand Schlimmeres verhinderte oder ein Verbrechen am eige­nen Volk bedeutete, wird nie geklärt werden. Er war mit Sicherheit aber als Zeichen für ein letztes Aufbäumen eines maroden Systems.

Nach dem letzten Schock war klar, wir, im sicheren Westen, müssen jetzt besonnen bleiben und klug handeln. Dieses konnte und musste vor allem in den Bereichen mensch­licher Verständigung erfolgen.

Die Polnische Botschaft in Köln lud bald danach Vertreter Deutsch-Polnischer Gesell­schaften zu einem Gespräch ein um Lösungen in dieser nahezu ausweglosen Situation zu suchen. Aus diplomatischen Gründen hatte man keine Vertreter aus der Politik einge­la­den. Man setzte auf die ehrenamtlichen Träger des Verständigungs­prozesses. Wir kamen überein alles zu tun, was auf menschlicher Ebene möglich war. Ich hatte die Ehre, an diesem Tage, an dem niemand außer uns in Köln „arbeitete“, anwesend zu sein. Es war der Rosenmontag 1982.

Der Austausch konnte 1981 wegen der schwierigen und unsicheren wirtschaftlichen Lage in Polen nicht beginnen, 1982 nicht wegen des Kriegszustandes. Nach den ersten Locker­un­gen, die zugleich das Entgleiten der Macht der herrschenden Partei in Polen signali­sierte, war der nächste mögliche Termin dann der September 1983.

Ich erwähne dieses, weil es für die heutige Generation zu einer kaum noch vorstellbaren und wohl bald vergessenen Geschichte geworden ist. Irgendwann wird es zu einer vergan­genen und uninteressant gewordenen Geschichte geworden sein, mit der sich nur noch wenige Fachhistoriker beschäftigen, die zudem noch der Gefahr einer politisch-aktuellen und längerfristigen Instrumentalisierung ausgesetzt sind.

Im September 1983 gelang dann mit vielerlei Hilfestellung der Durchbruch: Oberbürger­meister Schmalstieg, Stadtpräsident Wituski, der Vizerektor der Mickiewicz-Universität, Prof. Orłowski. Besonders Letzterer hat viel Positives bewirkt. Bildungspolitiker bei uns und in Warschau haben das für sie Mögliche getan, immer aus voller Überzeugung!

In Bonn hatte es schon früh eine Hilfestellung durch Herbert Wehner gegeben, der über einige Drähte verfügte. Auf einer Tagung in Loccum hatten Ulrich Bauermeister und ich Jochen Vogel, der ebenfalls über Kontakte verfügte, um Hilfestellung gebeten. Auch Peter Glotz, ein ehemaliger Bismarckschüler, war aktiv. In Warschau setzte sich Mieczysław Rakowski ein, den Beton und das Eis in Politbüro und Außenministerium zu brechen.

Nachdem wir zweimal alles vorbereitet hatten, erfolgte jetzt die Einladung zum ersten wunderschön verlaufenenen und emotional tiefgehenden Besuch in unserer Partnerschule in Posen im September 1983. Ein Bericht wurde in den Arnoldshainer Texten, Bd. 23, veröffentlicht.

Nun sollten wir auch darüber nachdenken, warum wir das alles in großer Gemeinsamkeit gemacht haben. Nicht erwähnen möchte ich jetzt alle diejenigen Kolleginnen und Kollegen, in Hannover und Poznań, die im Laufe der Jahre beteiligt waren. Ein großer Teil ist anwesend und weiß das sowieso. Es liegt mit aber am Herzen, zwei exzellente Deutschlehrerinnen, Frau Brudło und Frau Sziłajtis zu erwähnen. Unser erster Eindruck war, sie seien sehr strenge um es in der Diktion von Ernst Beiße und Edgar Kalthoff zu sagen. Diese beiden Kollegen haben sich auf ihre Weise bei uns an der Bismarckschule engagiert. Leider sind sie und Frau Sziłajtis schon verstorben.

Auch die jeweiligen Botschafter und andere Mitarbeiter der Botschaft der VR Polen bzw. seit 1990 der Republik Polen und die langjährige für die Kulturkontakte zuständige Bot­schafts­­rätin, Frau Mg. Kempa, setzten sich nachdrücklich ein.

Zuerst waren es sicherlich in erster Linie Gefühle, die uns Lehrer leiteten. Bei den Schülerinnen und Schülern war es eher die Erwartung des Neuen, des Unbekannten, des Fernen.

Viele von ihnen bekamen in ihren Familien, von Freunden und Bekannten vor der Abfahrt Meinungen und Äußerungen zu hören, die für sie unerwartet waren. Sehr viele Menschen in Deutschland haben ihre Wurzeln im Osten und ihre eigenen Erfahrungen mit der jüngsten Geschichte. Über Vieles wurde mit ihnen als Kinder vorher kaum gesprochen. Manche Teilnehmer bekamen die früheren Adressen von Familien, die einmal in Posen gewohnt haben.

Die Wahrnehmungen unserer Schülerinnen und Schüler in den Familien der Gastgeber waren noch eindringlicher. Es waren generell mehrere Familienangehörige, die sie be­grüß­ten. Oftmals zeigte der Großvater, wie gut er Deutsch sprach. Oder er benutzte das holprige Deutsch, das er in der Zwangsarbeit im „Reich“, wie man lange noch in Polen sagte, gelernt hat. Bei unserem ersten Besuch war bereits die Zeit einer ganzen Genera­tion ins Land gegangen.

Und dann kam der Großvater oder die Großmutter, die im „Reich“ zwangsverpflichtet waren, in einer der vielen von Deutschen geleiteten Rüstungsbetriebe im sog. „Warthe­gau“ oder auch dem „Generalgouvernement“ gearbeitet haben oder auch in einem der Kon­zentrationslager gelitten haben, auf dem Bauernhof arbeiten mussten oder im Moor des Emslandes schufteten, wie z.B. Prof. Czubiński als Vierzehnjähriger. Er hat als Leiter des Westinstitutes in Posen unser gemeinsames Projekt unterstützt. Als überzeug­ter Kom­mu­nist hat er mit dem Christdemokraten Werner Remmers, einem Emsländer, angeregt diskutiert. Beide haben sich ihrer gegenseitigen Hochachtung versichert.

Auf diese Weise kamen unsere Jugendlichen gar nicht zu dem, was sie eigentlich wollten: gemeinsam Musik hören, über das ihre Generation Bewegende zu quatschen, und die Freizeit gemeinsam auf ihre Weise zu verbringen, wie das Jugendliche so tun.

Jeder Hannoversche Schüler oder Lehrer hatte auf unterschiedliche Weise seine eigenen Wahrnehmungen zu verarbeiten. Die Summe all der vielen Eindrücke waren für alle nicht zu bewältigen. Neben der Schule kamen dann die Museen auf uns zu und vor allem das Angenehme: das Baden im See, die Eisdiele für die Schüler und das Café am Stary Rynek für die Lehrer, schräg gegenüber dem Renaissance-Rathaus mit den Ziegenböcken um 12.00 Uhr.

Abends erfolgten die Einladungen. Trotz der Krise der achtziger Jahre war die polnische Gastfreundschaft überwältigend, manchmal am Abendbrot-Tisch schwer zu „verkraften“.

Die Unterbringung, das war die administrative Bedingung, musste zuerst in einem Jugendheim erfolgen, in Poznań im Studentenheim und in Hannover in einem Jugend­gäste­haus. Aber das war auch bald vorbei und die Gäste wurden mit Selbstverständ­lichkeit in den Familien beherbergt.

Gegenwind kam 1984 von der „Betonfraktion“ in Warschau – auf Druck aus Ost-Berlin, wie wir später erfuhren. Direktor Henicz musste uns den Vorschlag machen, das Ganze in eine Art Jugendfreizeit umzuwandeln, z.B. an den Masurischen Seen.

Wir kamen gemeinsam bei dem Abschiedsessen in einem Restaurant auf die glückliche Idee, den Austausch mit der Schule und einer sinnvollen Feizeitbeschäftigung zu ver­binden. Das hieß: einige Tage Schule mit den obligatorischen Besichtigungen und dann einige Tage Segeln. Vor allem letzteres wurde ein voller Erfolg, ein richtiger „Knüller“. Die Unterbringung erfolgte in Zelten, die Morgenwäsche im See. Das Essen wurde gemeinsam organisiert. Letztlich eine gelungene phantastische Sache. Bei uns wurde es dann der Surf-Kurs am Steinhuder Meer.

Die weiteren Stadien: Es wurden z.B. Gesichtspunkte der Ökologie bearbeitet: Wasser­unter­su­chungen draußen – etwas, das den polnischen Kollegen in dieser Form vorher nicht möglich war. Wir ergänzten die fehlenden Geräte und Materialien. Auf diese Weise gelangte ein Messgerät, das ich von der Chemie-Industrie „besorgt“ hatte, als Dauer­leihgabe zu unserer Partnerschule, d.h. zum Verbleib für spätere Aufgaben.

Die Grundidee wurde weiterentwickelt, z.B. durch gemeinsame Exkursionen nach Breslau, Thorn (Kopernikus) und Warschau, die Tatra, Hamburg, Bremen, Goslar und die Weser­-Renaissance, der Kölner Dom.

Ein wichtiger weiterer Aspekt bildete sich heraus, nämlich weitere Kolleginnen und Kollegen einzubeziehen. Es reisten mehrfach Lehrerinnen und Lehrer anderer Fächer an, um didaktische und methodische Ansätze an der Bismarckschule kennen zu lernen. Die Fächer Russisch und Englisch boten sich an, aber auch Biologie und Erdkunde. Die weiteren Stadien, der Lehrer­austausch, verlief dann eher zurückhaltend: die Option ist aber geblieben.

Das dritte Standbein, das zunächst eingerichtet wurde, war eine Partnerschaft zwischen den Germanisten der Uni Hannover und denen der Mickiewicz-Universität in Posen. Leider verlief es im Sande, weil die Hannoveraner nicht an Deutsch als Fremdsprache interes­siert waren, was für die Posener zwangsläufig im Vordergrund stand und sich andererseits das Seminar für Deutsche Sprache einen wissenschaftlichen Schwerpunkt auf die linguistische Erforschung afrikanischer Sprachen legte, was für die Erhaltung des Weltkulturerbes sehr sinnvoll ist.

Seit Jahren steht nun der Begegnungsaspekt im Vordergrund. Die Planung durch die jeweils gastgebende Schule und die Selbstorganisation der primär betroffenen Schüler­in­nen und Schüler hält sich die Waage. Man nutzte z.B. die Highlites wie die Expo 2000 in Hannover oder ein Weltjugendtreffen in Poznań.

Welche Wirkungen gab es noch? Ich kann aus Hannoverscher Sicht dazu etwas sagen, vermute aber, dass in Poznań auf unterschiedlichen Ebenen Ähnliches erfolgte. Es ist das, was man mit Folgewirkungen beschreibt, mit Auswertungen der begleitenden Erfah­run­gen, mit Umsetzung in der Schule, im regulären Unterricht oder in Projektphasen. Es ging dabei vor allem um die langfristige Aufarbeitung.

Einschub: Wir hatten 1988 die Ehre, den zuständigen Kurator (Oberschulrat) begrüßen zu dürfen. Er wollte unser Schulsystem kennen lernen. Neben Höflichkeitsbesuchen im Rat­haus und Ministerium, die Ulrich Bauermeister für ihn organisiert hatte, standen die Unterrichtsbesuche. Ich begleitete ihn auf seinen Wunsch zu zwei Schulen. Zum einen war es die damals neue Stötzner-Sonderschule in Buchholz, deren Ausstattung und Arbeits­weise ihm sehr imponierte. Zum anderen war es die IGS Roderbruch, wo ihn der damalige Leiter Bernd Ritter empfing.

Mit dem Herrn Kurator hatten wir vereinbart, einmal über unterschiedliche Erziehungsstile zu diskutieren. Er hatte ein sehr großes Interesse daran. Er versprach, seine vielfältigen positiven Eindrücke dem Minister in Warschau mitzuteilen und auf dieser Basis Reform­vor­schläge auszuarbeiten. Es gab damals in Polen schon viele Anregungen und Schub­la­den­entwürfe für diverse Reformideen und konkrete Vorhaben.

Leider ist es auf Grund der Entwicklung in Polen nicht mehr zu einer weiteren Begegnung gekommen. Die Systemüberwindung war nur noch eine Frage der Zeit und letztlich ver­band jedermann seine Hoffnung mit dem Bevorstehenden, mit Verbesserungen und grund­legenden Reformen.

Zu dem vielfältigen späteren Geschehen, ab 1990, möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern, insbesondere zu Meinungsäußerungen der polnischen Kollegen dazu, dass Ver­ände­r­ungen oftmals nicht auf dem Rat und den Erfahrungen in langen Jahren Fachpraxis qualifizierter Menschen aus Fachdidaktik, Praxis und Wissenschaft beruhen, in Polen und anderswo möglicherweise auch.

Eine große Chance war für uns als Lehrer gegeben und bleibt bestehen: durch das Ken­nen­lernen und das gemeinsame Arbeiten Vorurteile als solche zu erkennen und auch ob ihres jeweiligen Zustandekommens zu analysieren. Nur so kann man Missver­ständnisse beseitigen, Vorurteile aushebeln und Spannungen beseitigen und dadurch eine Ebene gegenseitiger Freundschaft herbeiführen.

Es gibt diese Problematik nämlich noch. Dazu zwei Beispiele:

Ein Vorurteil hebelt sich gegenwärtig von selbst aus, nämlich das vom faulen und unzu­ver­lässigen polnischen Arbeiter. Überall in Westeuropa werden gegenwärtig tüchtige und motivierte Handwerker und Gelegenheitsarbeiter aus Osteuropa, Männer und Frauen, nachgefragt und beschäftigt, und zwar weil sie gute und zuverlässige Arbeit leisten. Und warum? Weil sie angemessen und immer besser bezahlt werden.

Zwei Gründe für die Entstehung dieser Negativstereotype: Erstens (sozialpsychologisch abgeleitet): In Ländern der Semiperipherie steht die Loyalität im Familienverband sehr hoch – andere Verpflichtungen sind dann nachrangig. Zweitens (politisch-ökonomisch betrachtet): Eine Bevölkerung, die in hohem Anteil für fremde Herrschaft oder Besitzer oder auch für eine schmarotzerhaft lebende Oberschicht für ein geringes Entgelt arbeiten muss, verweigert sich, wo immer sie es kann. Dies führt hin bis zu Elementen nachhaltiger nationaler Widerstandsformen. In diesem Zusammenhang ist auch die (früher) sehr enge Beziehung zwischen polnischer Nationalidentität und Katholizismus zu sehen.

Andererseits: Ein Posener Wissenschaftler, mit dem ich freundschaftlich verbunden bin und mit dem ich (früher) manchen Wódka getrunken habe, immer zum „Wohle der sow­je­ti­schen Kriegsmarine: „Do dna!“ Ich verstand es beim ersten Mal nicht. Es bedeutet im doppelten Sinne: „Auf Grund!“ Dies ist eines der bitteren Stereotype gegenüber den Russen, gegenüber „dem Großen Bruder“, wie man es lange angstvoll und zugleich widerständig nannte.

Ein anderes Stereotyp aus dem Posener Raum – Stereotype sind oft Abwehr-Aggres­si­onen (!) – verriet er mir, nachdem wir uns schon lange kannten: Da seine Eltern früh verstorben waren, wuchs er bei seiner Großmutter auf, die ihn sehr liebte. Wenn sie aber mal sehr böse mit ihm war, dann sagte sie zu ihm: „Du Luther!“ Ein altes Negativstereotyp der Posener Polen gegenüber den die Herrschaft ausübenden und über Besitz ver­fügen­den protestantischen Deutschen.

Ich habe Beispiele genannt. Die Vielfalt des in der Literatur, den Liedern oder der Volksmeinung und vor allem in geschichtlichen Dokumenten enthaltenen aufzuarbeiten, kann und muss die Aufgabe europäischer Schulen weiterhin sein. Und das haben wir alle – so denke ich – im Rahmen unserer Möglichkeiten in angemessener Weise immer wieder versucht.

{nur mündlicher freier Vortrag}

Zum Schluss meiner 35-jährigen Tätigkeit an der Bismarckschule gestatten Sie bitte mir noch drei persönliche Gedanken:

Erstens: Ich bitte alle Schülerinnen und Schüler um Nachsicht für all die Fälle, in denen ich mal zu laut gesprochen habe und wenn ich in der Wahl der Formulierungen „daneben“ gelegen habe.

Zweitens: Ich habe sehr gern an dieser Schule mit den Schülerinnen und Schülern und den Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet. Ich kann mir kaum einen schöneren Beruf als den unseren vorstellen.

Drittens: Ich möchte all den Kollegen, die diese Schule bereits – ich hoffe zu Recht sagen zu können – mit erhobenem Haupte – verlassen haben und auch denen, die es in der nächsten oder ferneren Zukunft tun werden, ein Zitat von Lord Nelson mitgeben.

Nelson, wer es nicht weiß: er war derjenige, der bei Trafalgar 1806 die französisch-spanische Flotte vernichtete und damit den Weg Englands zur Seemacht ebnete und der jetzt am Trafalgar Square in London auf dem Sockel steht und auf dessen Haupt sich die Tauben ausruhen.

Er hat sich als Kapitän eines Linienschiffes einmal über die klare Weisung der Admiralität hinweg gesetzt und nicht, wie befohlen, die gegnerischen Schiffe im Seegefecht in paralleler Linie angegriffen.

Stattdessen segelte er senkrecht zur gegnerischen Marschrichtung zwischen zwei spanischen Schiffen hindurch und versenkte die Gegner mit zwei Breitseiten, einmal nach Steuerbord in Richtung dessen Bug und gleichzeitig von Backbord aus den anderen in Richtung dessen Heck. Von Bug und Heck aus waren die Schiffe nicht geschützt. Sie wurden mit je einer Breitseite so stark beschädigt, dass sie sanken.

Nelson war also ein strategischer Querdenker.

Als die Admiralität ihn vor ein Kriegsgericht stellte und wegen Befehlsmissachtung anklagte, sagte er: „Wer Erfolg gehabt hat, der hat auch vorher nichts falsch gemacht - [der konnte auch vorher nichts falsch gemacht haben].

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihr geduldiges Zuhören.

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Festvortrag zum 25. Jubiläum der Schulpartnerschaft zwischen der Bismarckschule Hannover und dem V. Lyceum in Poznań im September 2008

Textfassung: Festvortrag_080917_Endfassung.doc

Autor: Dr. Lothar Nettelmann (OStR Bismarckschule Hannover).

Verantwortlich für die Internetpublikation: Gerhard Voigt, OStR i.R.

Bismarckschule.Voigt@gmx.de  

http://www.Bismarckschule.de  

Alle Urheberrechte vorbehalten. Freie Verwendung für Zwecke der Bildung und Ausbildung in Schulen und Hochschule ist zugestanden.

Für die Internetpublikation revidiert am 6.08.2009

   
   

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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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